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Über die Bearbeitung

Chopins Klavieretüden sind die erste große Landmarke pianistischer Prahlerei. Sie sind ein früher Inbegriff dessen, was man unter dem künstlerisch nichtssagenden Étikett Fingerfertigkeit gerne subsummiert. Die zwei Dutzend Klavierstücke gelten als Gradmesser klaviaturhandwerklichen Zurschaustellens; als akademische Eintritts- und Austrittshürde, die stets souverän zu überspringen ist. Sie sind zur Figur verkommen, mag man glauben, ein Stück Eiskunstlaufen für untalentierte, aber fleißig Klavier übende Eiskunstläufer. Wer fragt heute noch nach Ligeti (oder Panisello)?

Chopins Études sind ein musikalisch gewichtiger Meilenstein. Ein Experiment über das Mögliche und das gerade-noch-Mögliche. Eine kompositorisch äußerst gelungene Gratwanderung, die keine klanglichen Kühnheiten scheut. Diese auf engsten — 88 Tasten und zehn Finger breiten — Raum komprimierte Musik ist in ihren theatralischen und in ihrern lyrischen Absichten jedoch kompromisslos. Sie ist durch und durch orchestral, ihr etüdenhafte Kern ist die Abstraktion: Das große Ganze einer musikalischen Welt mit pianistischem Geschick in die beiden Hände eines einzigen Interpreten zu legen.

Was lässt sich in dieser Musik noch entdecken? Welche ungewohnten Züge prägen sie? Es war an der Zeit, eine Neuinterpretation zu versuchen, ohne die Abgedroschenheit der Stücke noch weiter anzutasten. Das Ergebnis, das am 20. Juni im MUMUTH zu hören war ist eine eigenwillige Bearbeitung der Etüde op. 10/4 für ein kleines Ensemble. Wenn — in durchaus ironischer Manier — uns dabei Unvorhergesehenes begegnet, ist es nichts als ein Zeichen dafür, dass diese Musik auch knapp 200 Jahre nach ihrer Erfindung immer noch nicht tot zu kriegen ist.

Ausgangspunkt meiner Bearbeitung ist die faszinierende Theatralik, die Chopins Klavierwerk innewohnt. Die Bearbeitung selbst stellt eine Etüde für sich in Hinblick auf die Instrumentation dar. Mit möglichst wenigen Instrumenten wird die orchestrale Dimension in Chopins‘ Klavieretüde Op. 10/4 beleuchtet und dabei das Klavier — bis zum Schluss — außen vor gelassen.

Besetzung

Flöte
Klarinette
Baßklarinette
Schlagwerk
Celesta/Synthesizer
Violoncello

Uraufführung

20. Juni 2015
Kunstuniversität Graz, MUMUTH
Studierende der Kunstuniversität Graz
Gerald Krammer, Dirigent

Aufnahme

Studierende der Kunstuniversität Graz
Gerald Krammer, Dirigent
Graz, MUMUTH

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